Sonntag, 28. August 2016

SCHON WIEDER DU!


Oh, Mann, was ist das nur mit mir und dem Lieblingskleidchen? Eine grosse Liebe, so viel ist klar. Zum gefühlten hundertsten Mal habe ich Brittas (= Erbsenprinzessins) Kinderschnitt umgesetzt. Dieses Mal aus einem supercoolen Retrostoff (1970er Gardine, ich weiss!) und mit drei kleinen, aber sehr effektvollen Anpassungen. Na, könnt ihr es erkennen?


1. Ich habe eine Art Tulpenrock gebastelt. Wie das geht, das wisst Ihr, oder? Einfach das Schnittteil per Hand zum Saum hin verjüngen. Dabei aber bitte nicht übertreiben! Schon kleine Anpassungen verändern die Silhouette effektiv - und wir wollen dem lieben Kind ja keinen Bleistiftrock basteln, oder?



2. Ich habe das Rückenteil zweigeteilt. Ich könnte jetzt schreiben, dass das nötig war, um mein ausgeklügeltes Retrokonzept durchzuziehen. Aber, nein, der wunderbar quietschige Retrostoff "Tropix Paola Citrus" von Alexander Henry Fabrics war einfach zu schmal für das komplette Schnittteil. Von dem fröhlichen Free Spirit "True Colors New Wave Tangerine" hatte ich hingegen noch genug.) Da wir alle hin und wieder vor genau diesem Problem stehen, hier nochmals kurz ein paar Worte zur Anpassung: Das Vorderteil endet unter der Passe. Nun musste ich gewissermassen nur noch herausfinden, wo diese Teilungsnaht hinten weiterlaufen würde, wenn sie denn durchgängig wäre. Dazu habe ich das Vorderteil (bestehend aus den zwei Passenteilen) und (das lange) Rückenteil im Schulterbereich aneinander ausgerichtet. Und schon wird die imaginäre Schnittlinie sichtbar. Schnippschnapp! Beim Zuschneiden die Nahtzugaben nicht vergessen - und fertig ist die das revidierte Oberteil-Schnittpapier.


3. Die vielleicht coolste Anpassung betrifft den Ärmelbereich. Ich habe kleine Cap Sleeves eingesetzt. Das wollte ich schon lange mal ausprobieren. Zum einen, weil das meine liebster Ärmeltyp ist, zum anderen, weil so die Schultern der Kleidchenbesitzerin vor Sonnenbrand geschützt sind (#übervorsichtigemutteramwerk). Aber wie macht man das jetzt? Brittas Schnitt kommt im Bereich des Ärmelausschnitts ohne Nahtzugabe aus, da dort mit Schrägband eingefasst werden sollte. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder man packt an den Armlöchern eine Nahtzugabe drauf (und hat dann später ein Riesengewurschtel, da die Cap Sleeves traditionell nur wie Kappen über den Schultern liegen und nicht unbedingt unter den Achseln weiterlaufen) - oder man  näht die Flügelchen einfach unterm Schrägband fest und benutzt dabei die Schrägbandnaht, um die zweite Naht zu verstecken. Alles klar? Es wird deutlicher, wenn Ihr die Bilder anschaut. Dort seht ihr die Doppelnaht. 


Jetzt wollt Ihr sicher noch wissen, wie man die Käppchen konstruiert. Das ist echt einfach, glaubt mir! First of all: Die äussere, gerade Kante (am rechten Bildrand) wurde im Stoffbruch zugeschnitten. So erhaltet Ihr ein gefüttertes Ärmelchen. Ich bin mit der Ovi dann über die runde, doppelt offene Naht drüber. Und wie findet man jetzt die richtige Gesamtlänge? Dazu habe ich mir erst überlegt, wie lange die Caps von der Schulternaht aus vorne und hinten weiterlaufen sollen. Ich kam in meinem Fall auf einen Wert von ca. 9cm, also zusammen ca. 18cm. 

Und was ist mit der runden Seite? Richtig, die Flügelchen sind zwar aussen gerade, innen aber konvex. Den Krümmungsgrad bekommt man ganz gut hin, wenn man die beiden Stoffteile NACH dem Schliessen EINER Schulternaht und VORM dem Schliessen der Seitennähte einfach mal hinlegt. Fragt Euch: Wie würde der Ärmelausschnitt später ungefähr fallen. Ich habe dann einfach ein Papier untergelegt und grob die Innenline des Ärmelausschnitts nachgezeichnet. Es kommt hier nicht auf Millimeter an, keine Sorge. Stellt einfach nur sicher, dass eine Krümmung da ist. Fertig. 



Zum Schluss noch zwei Makros. Ihr wisst mittlerweile, dass ich einen Schrägbandfetisch habe :) Ich wünsche Euch viel Erfolg beim Nachnähen, gerne auch in Farben, die nicht unter dem Hashtag #netzhautpeitsche geführt werden :D

Herzlich
Bettina

Dienstag, 9. August 2016

WANT SOME MORE TEA? YES, PLEEEASE!


This post is in English and German. 
Dieses Posting ist zweisprachig verfasst, auf Englisch und auf Deutsch.  

Some months ago the American indie label Sew House 7 released the TEA HOUSE DRESS pattern. When I saw the first pictures and especially the drawing of the pattern pieces, I was intrigued. The way the dress was constructed was so different. 

Als das amerikanische Indie Label Sew House 7 erste Bilder von seinem neuen Schnittmuster TEA HOUSE DRESS zeigte, war ich fasziniert. Das war so komplett anders als viele andere Vorlagen, die zeitgleich erschienen waren.


Of course, the pattern consists of well known elements. But the pattern construction is remarkable. My dear blogger friends from all around the world had exactly the same impression. What a great reason to organize a sew along. And so it began... #teahousedresstour

Klar, das TEA HOUSE Kleid besteht aus den Elementen, die man halt braucht, um eine Kleid zusammenzusetzen.  Aber die Art, wie die Teile vom Grundsatz her konstruiert sind, ist schon sehr ungewöhnlich. Wir Nähbloggerinnen sind gut vernetzt. Als die Sprache auf das neue Schnittmuster kam, waren auch meine Kolleginnen rund um den Globus begeistert. Was für eine wunderbare Voraussetzung, um einen Sew-along zu organisieren: die #teahousedresstour. 


Peggy, the designer, was clearly inspired by traditional Japanese clothing. Although a prototypical kimono would be more similar to a wrap dress, the TEA HOUSE DRESS pays homage to the original style in a big way. A V-neckline, cuffed dolman short sleeves, the flared skirt, the wide tie to accentuate the high waist - and the huge amount of fabric that is needed (almost 6! yards for a size 16).

Peggy, die Designerin, liess sich ganz offensichtlich von traditionellen japanischen Gewändern inspirieren. Obwohl ein klassischer Kimono vorne offen ist und eher einem Wickelkleid ähnelt, zitiert sie viele Stilelemente. Da wären die überschnittenen Kimonoärmel, der ausgestellte Rock, der V-Ausschnitt, das breite, hoch angesetzte Bindeband - und vor allem die schier unglaubliche Menge an Stoff, die gebraucht wird. Für die Grösse 16 (entspricht 46/48) habe ich satte fünf Meter verbraten.



I was looking for a fabric design that is both flattering for my coloring and somehow Japanese. I found it - no surprise there - at Art Gallery Fabrics. "Summit twilight" (out of the collection "Hello Bear" by Bonnie Christine) is super soft woven with graphics that reminded me of Japanese woodblock prints. It's a variation of the traditional  "seigahia pattern", the wave pattern.The pockets are made from some scratch.

Es war gar nicht so leicht, den perfekten Stoff für das Projekt zu finden. Der Print sollte nicht nur zu meinem Teint und meinen Haaren, sondern auch zum Stil des Kleides passen. Ich wurde bei Art Gallery fündig (keine Überraschung): "Summit twilight" aus der Kollektion "Hello Bear" von Bonnie Christie, ein wunderbar weicher Webstoff. Das grafische Muster erinnerte mich spontan an japanische Holzdrucke - und natürlich an das omnipräsente Seigahia-Design, auch Wellenmuster genannt. Die Taschen sind aus einem Leinenstoffrest geschnitten. Übrigens: Schweizer Kundinnen bekommen den Stoff (noch) bei Rothlilablau in Wetzikon.





The TEA HOUSE pattern can be sewn as top - or as dress which comes in two lengths. As you can see, I made the long version. I flipped the print that I used for the front panel upside down for two reasons: It slims the waist, plus it accentuates the interesting panel construction of the dress. The second alteration was neccessary, because the tie sat originally too high for my taste (and my DD-cup). I put the binding (and of course the pockets) about four inches down, which was easily done. (And I lengthened the whole dress, because I'm 5' 9'' tall.) THAT WAS IT. 

Ihr könnt das Schnittmuster sowohl als Kleid (in zwei Längen), als auch als Top nähen. Ich habe den Stoff für das mittlere Vorderteil um 180 Grad gedreht, um das Ganze ein bisschen interessanter zu machen bzw. die Teilungsnähte zu betonen. Ausserdem stellt sich so auch eine leichte optische Täuschung ein... die Körpermitte sieht etwas schmaler aus ;) Und ich habe das Bindeband und die Taschen je eine Handbreit nach unten gesetzt. Ausserdem habe ich das Kleid deutlich länger gemacht, da ich 1.75m gross bin. Das war's dann aber auch schon. Cool, oder? 




If anybody asks me: "Want some more TEA?" I would answer: "Yes, please!" I'm sure you can see why. Greetings from a coffee addict who loves the TEA HOUSE DRESS.
Bettina
P.S. Yes, these ARE my glasses. Actually I'm shortsighted.

Wenn mich jetzt jemand fragen würde, ob ich gerne mehr TEA hätte, würde ich ungeniert ja sagen. Viele Grüsse von der Frau, die eigentlich nur dTee trinkt, wenn sie krank ist :D
Bettina
P.S. Jaaa, das ist meine echte Brille. Die ziehe ich für die Fotos meistens aus. Aber dieses Mal hat's so gut gepasst.


Wanna see more gorgeous TEA HOUSE DRESSES and TEA HOUSE TOPS? No prob, just follow the tour bus, data below! Wanna win this unique pattern? Again no prob, just comment on Gaafmachine's first blog post to enter!

Wollt ihr weitere wunderschöne TEA HOUSE Kleider und Tops sehen? Kein Problem, steigt in den Tourbus, Daten unten! Wollt ihr dieses ungewöhnliche Schnittmuster gewinnen. Auch das ist kein Problem, surft rüber zu meiner Freundin Nelleke von Gaafmachine und kommentiert dort unter dem ersten Tour-Post!

TEA HOUSE DRESS TOUR













Samstag, 16. Juli 2016

SANIGOLD - ODER: AUS ZWEI MACH EINS


Mit reichlich Verspätung zeige ich Euch den letzten Schnitt aus der Wild-and-Beautiful-Damenkollektion von Näh-Connection: das Sanibel Dress (Design: Hey June, USA). Theoretisch könnte man auch einen Sanibel-Einteiler nähen, aber ich mag Tuniken/Kleider gerne. Genau genommen müsste mein Nähbespiel übrigens Sanigold statt Sanibel heissen. Ich habe nämlich, frech wie ich bin, meinen neuen Lieblingsschnitt Marigold (schaut mal hier und hier) mit dem Sanibel gekreuzt. 


Das war nicht von Anfang an geplant, aber beim Zuschnitt ist mir aufgefallen, dass das Original-Oberteil kastenförmig ist. Bei den einen bringt das Quadratische und das Mehr an Stoff die (grazile, feingliedrige) Silhouette zur Geltung - bei mir nicht. Ich brauche eine definitiv eine Taillierung. Also habe ich all die schönen Hemden-Details von Sanibel genommen - und mein Nähwerk unterhalb der Achseln in den Marigold-Grundschnitt überführt. Um den sportlichen Look zu betonen, habe ich die Rocktaschen weggelassen, alles auf Tunika-Länge gekürzt und den Saum an den Seiten etwas hochgezogen. Klingt jetzt kompliziert, war es aber nicht.


Ich will nicht weiter auf den Schnittmuster-Hack eingehen. Ich erzähle Euch lieber etwas über Hemden. Ich behaupte, die wenigsten Hobbyschneiderinnen trauen sich das nicht zu. Das ist jammerschade, denn Hemden sind nicht nur unglaublich vielseitig, das Nähen derselben bringt uns auch handwerklich voran. Beim Sanibel-Oberteil habe ich beispielsweise bewusst nicht den Stehkragen (der auch im Schnitt als Variante enthalten ist), sondern den "echten" Kragen mit Kragenstand umgesetzt. War gar nicht schlimm - aber im Vergleich zu Knopfleisten, aufgesetzten Taschen, doppelten Passen oder Manschetten total neu für mich.







Jetzt, da ich diese Herausforderung angenommen und ganz okay gemeistert habe, geht es richtig los mit dem Hemdenzeugs. Meine Angst ist nämlich verflogen. Ist Euch bewusst, wie viele Kragenvarianten es gibt? Und auf wie viele Arten man eine Knopfleiste gestalten kann? Ganz zu schweigen von den vielen Details wie Mininknöpfchen, Abnäher, Schlitze am Ärmel und Vieles mehr. Mann, das ist ein Kosmos für sich. Per Zufall ist mir in den letzten Wochen noch ein Rezensionsexemplar eines Buches ins Haus geflattert, das perfekt zum Thema passt: Hemd&Design. Das grosse Ideenbuch (Stiebner Verlag). Ich werde das Werk in den nächsten Wochen auf dem Bernina-Blog vorstellen. Nur so viel sei verraten: ein echt cooles Werk. So stelle ich mir "Harry Potter für Hemdenschneider" vor ;)


Meine Sanigold-Tunika ist übrigens aus feinem Leinen genäht. Der Stoff stammt aus Stockholm (ein Reisemitbringsel... daran erkennt man und uns Blogger/Hobbyschneider übrigens gut. Wir stürmen im Ausland lieber Stoffläden, in dem Fall "Stoff och Stil Sverige", statt Museen). Ich schätze, der deutsche Onlineshop von Stoff und Stil führt diese Webware auch. Um das Ganze etwas aufzupeppen, habe ich senfgelbe Knöpfe angenäht. Der Gürtel ist aus einem Kokka-Canvas-Rest gemacht. Ihr habt sicher schon gemerkt, dass ich gerne mit Bändern/Schleifen/Gurten aus Kontraststoffen arbeite. Ich finde, dass das ein Kleidungsstück sehr aufwerten kann. Plus: Eine Taille ist immer gut. Aber das hatten wir schon, oder?



Den Rocksaum habe ich - wie so oft - mit Schrägband versäubert. Da so viele Leute gefragt haben, wie genau das geht, gibt es jetzt ein Tutorial. Ihr findet es auf dem Bernina-Blog


Nun bleibt mir nur noch, Euch ausdrücklich zu ermutigen: Traut Euch an Hemden! Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein verhunzter Stoff. Und vielleicht ein paar verlorene Stunden. Aber verloren ist in dem Fall relativ. Selbst, wenn wir Scheitern, kommen wir voran. Da ich gerade wie die Aufschrift auf einem Kühlschrank-Magneten klinge, höre ich hier auf... 

Herzlich
Bettina


 Schnitt: Sanibel Kleid und Romper, in deutscher Übersetzung bei Näh-Connection
gekreuzt mit Marigold Dress, auch in dtsch. Übersetzung bei Näh-Connection.
Stoff: Stoff och Stil Sverige (blaues Leinen), Punkte-Canvas von Kokka (Privatschatz).




Sonntag, 3. Juli 2016

WAS SO ALLES SCHIEF GEHEN KANN...

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Ich hatte mir alles so schön vorgestellt: Ich kaufe diesen wunderbaren neuen Cloud9-Voile, ich nähe daraus eine sommerliche Wanderer Tunika (neu in deutscher Übersetzung bei Näh-Connection) - und dann ziehe ich das Teil nie mehr aus. NIE MEHR. 



Toller Plan. Warum dann doch einiges schief gegangen ist, möchte ich Euch heute erzählen. Das Wichtigste zuerst: Es lag nicht am Schnittmuster, denn das ist durchdacht und von der Passform her top. Nein, ich war das Problem. Ich und mein Hang zum Huddeln, wenn die Uhr tickt. 


Sehr herziger Rückenverschluss.
Aber schön der Reihe nach: Dieser Stoff nach einem Design von gefällt mir schon seit Monaten. Seit Cloud9 ihn zum ersten Mal auf Instagram gezeigt hatte, stand er auf meiner "haben-will-Liste". 1,5 Meter werden sicher reichen, dachte ich mir, und setzte die Bestellung ab. Ich hätte besser mehr nachgedacht oder am besten in der Schnittanleitung nachgelesen, denn eine Wanderer Tunika in meiner Grösse ist nicht mit 1,5 Meter genäht. Aber egal, Super-Bettina biegt das wieder hin... (Fortsetzung folgt.)




Beim Zuschnitt passierte dann das nächste Malheur. Obwohl ich mir immer sehr genau überlege, wie ein Muster zu platzieren ist, versagten meine grauen Zellen. Die grossen Palmwedel prangen exakt auf meinen Brüsten. Beim Karneval in Rio haben die Mädels doch so Klebe-Hütchen auf ihren Brustwarzen. Ich finde, dass das bei meinem Oberteil so ähnlich aussieht. 



Erinnert Ihr Euch an die Sache mit dem Stoff? Als die Vorder-, Rückenteil und Passen zugeschnitten waren, lag nur noch ein kläglicher Rest vor mir. Mein ursprünglicher Plan, die zum Schnittmuster gehörenden Ärmelteile "einfach zu verkürzen", war vom Tisch. Dann eben Kappärmel. Die sind an sich schnell konstruiert. Klappte auch beim Schneiden und Nähen ganz gut.


Schrägband erst einseitig von innen angenäht,
dann um einen halben Zentimeter nach aussen geklappt und weiter Naht gesetzt.
Jetzt könnte diese Geschichte noch gut ausgehen. Aber dann wäre dieser Blogeintrag nur halb so lustig, oder? Ich probierte meine wunderschöne Wanderer Tunika an - und fiel fast in Ohnmacht. Ich hatte nicht nur zu wenig Stoff bestellt hatte, hatte nicht nur den Print falsch platziert, nein, ich hatte auch noch die falsche Grösse genäht. Hektisches Gewühl im Schnittmusterstapel bestätigte das. XL -  statt XXL geklebt, geschnippselt und zugeschnitten. Das war so ein Moment, in dem Comicfiguren ihren Kopf auf die Tischplatte hauen. Mehrmals.


Samba, Samba, Samba do Brasil! :)
Hier meine Rettungsversuche: 
  1. Die Nahtzugabe bis zum Ultimum ausreizen. Wer genau guckt, der sieht an den Seitenrändern Overlocknähte durchblitzen :D
  2. An den Saum eine dunkle Spitze nähen, um Länge zu gewinnen (passt zwar nicht wirklich, aber die zwei Zentimeter mehr sind Gold wert).
  3. Die Kappärmel mit Schrägband um 0,5cm verlängern, damit sie etwas mehr von den Hausfrauenoberarmen verdecken.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mit dem Endergebnis zufrieden bin. Ihr müsst mich nun aber weder in den Arm nehmen, noch mir Kraft (oder Kraftbrühe) schicken. Alles gut hier. Ich teile diese Erfahrung mit Euch, weil ich mir sicher bin, dass wir alle schon tollste Stoffe verhunzt haben. Das gehört einfach dazu. 

Denkt also an mich, wenn Ihr das nächste Mal mit dem Overlockmesser mitten in den Stoff schneidet, wenn ihr das Schnittmuster falsch skaliert ausdruckt (hallo Susanne von Muckelie!) - oder wenn ihr euch Nippelhütchen bastelt :) 

Viele Grüsse von Samba-Königin Bettina




Schnitt: Wanderer Tunic (c) by Striped Swallow Designs, in deutsche Übersetzung bei Näh-Connection.

Stoff: Voile  "Maldives" aus der Serie "Yucca", Design: Leah Duncan für Cloud9, zum Beispiel erhältlich in der Eulenmeisterei.

Freitag, 1. Juli 2016

ROCK-FESTIVAL


Nun ist es ist offiziell: Marigold, der Kleid/Rock-Schnitt des amerikanischen Indie-Labels Blank Slate Pattern, ist mein neuer Lieblingsschnitt. Ihr habt mich neulich schon in der Kleid-Version gesehen, heute zeige ich Euch auch noch die superschnell genähte Rock-Variante. Nix Reissverschluss, nix Abnäher, einfach nur Taschen antackern, geradeaus nähen, Gummi rein - fertig. 



Im Prinzip wäre dieser Blogeintrag nun zu Ende. Ich kann Euch aber nicht gehen lassen, ohne Euch etwas zum hier vernähten Stoff zu erzählen. Wie Ihr sicher gemerkt hat, kommt der weder von Hamburger Liebe (obwohl es farblich denkbar wäre), noch von Birch (wenngleich das farblich komplett ausgeschlossen wäre), noch von Lillestoff (obwohl die ungefähr jedes Schaltjahr auch mal einen Webstoff raushauen). 



Nein, Ihr seht hier einen wirklich ausgefallenen Stoff, der von der niederländischen Firma Vlisco für den afrikanischen Markt hergestellt wird. Ja, richtig gelesen. Ein Anbieter aus Holland ist in Ländern wie Ghana oder der Elfenbeinküste DER Stoffausstatter im gehobeneren Preissegment. 



Warum das so ist, ist schnell erklärt: Der westafrikanische Markt ist schon seit Jahrzehnten fest in asiatischer Hand. Die Prints, die man auf den Märkten von Accra oder Abidjan kaufen kann, sehen zwar afrikanisch aus, sind aber Made in China. Wer sich hingegen eine bessere Qualität leisten kann, der weicht beispielsweise auf Vlisco-Stoffe aus. Die Niederländer greifen bei ihren Designs zwar auf traditionelle westafrikanische Muster zurück, interpretieren diese aber frei und unbekümmert. Ähnliches gilt für die Farbgestaltung: Bunt und fröhlich, aber keinesfalls nur auf die Töne beschränkt, die aus kulturgeschichtlicher Sicht in Afrika gefärbt werden konnten.



Ich bin natürlich nicht nach Afrika geflogen, um diesen Stoff für meinen neuen Lieblingsschnitt aufzutreiben. (Obwohl es mir zuzutrauen wäre.) Nein, ich habe den Stoff bei Karlotta Pink gekauft. Dort gibt es qualitativ hochwertige Ware aus aller Herren Länder. Allerdings keine bekannten Brands, sondern nur Gewebe, die entweder in landestypischer Art hergestellt wurden (wie zum Beispiel von Vlisco) - oder direkt aus dem entsprechenden Land importiert wurden. 


Der Stoff, den ihr hier seht, ist ein sogenannter Waxprint. Die Westafrikaner färbten ihre Textilen traditionell mit einem Druckverfahren, bei dem die Farbstoffe mit Hilfe von Bienenwachs appliziert werden. Besser gesagt: Dort, wo die Wachsschablonen den Stoff bedecken, dringt die Farbe nicht durch. Das Ganze ist ein komplexer, langwieriger Vorgang. Typisch für Waxprints ist, dass die Farben auch auf der linken Stoffseite durchscheinen.



Der Vlisco-Stoff ist weder "flimsy", wie man im englischsprachigen Raum sagen würde, noch "stiff" - also weder ein Fähnchen noch ein Brett. Genau nach meinem Geschmack. Ein Rock braucht einen gewissen Stand, um schön zu fallen - und wenn er dann noch blickdicht ist, kann das nur von Vorteil sein. 


Schaut mal, wie sehr ich mit meinem Knotenband geschwitzt habe...

Wenn ihr nun Lust bekommen habt, neben den grossen Stoffnamen auch mal was Ungewöhnliches zu vernähen, dann surft doch rüber zu Karlotta Pink. Es gibt übrigens nicht nur einen Schweizer Onlineshop, sondern auch einen für die EU. An beiden Orten gibt es noch bis Sonntag 10 Prozent Rabatt auf alle Stoffe aus der Kategorie "Wax- und Javaprints". Gutscheincode: WAX43278.


Den Marigold-Schnitt erhaltet ihr (mit deutscher Anleitung) bei Näh-Connection, bis Sonntag als Damenschnittpaket "Wild-and-beautifull" zum Sonderpreis (im Verbund mit den Schnitten für die Wanderer Tunika und den Sanibel-Einteiler bzw. das Sanibel-Kleid) und inklusive Gutscheinen. Mann, was für ein Satz...) Und ab Montag dann auch separat. 

So. Ich muss jetzt mal überlegen, was ich mit meinem nächsten Karlotta-Pink-Stoff anstelle. Der liegt nämlich schon gewaschen hier: Fast fünf Meter aus Südafrika. Mehr dazu demnächst bei Stahlarbeit.

Herzlich
Bettina