ÜBER STAHLARBEIT


Grüezi, Servus und 

guten Tag,

(c) by Gerry Nitsch.

ich heisse Bettina und habe ein klitzekleines Suchtproblem. Wenn ich ohne Stoff bin, dann geht's mir schlecht. Da man als echter Junkie vorbeugen muss, besitze ich so drei, vier Meter von der besten Ware. Okay, es könnten auch fünf bis sechzig Meter sein. Grob geschätzt. Vom Jersey. Dann noch die Webware, die Bündchen, die Wachstücher.

Tut jetzt nicht so entrüstet! So ist das halt bei denen, die an der Nadel hängen. Die brauchen Stoff. Viel Stoff. Natürlich habe ich auch das passende Zubehör, also mehrere Kilometer Schrägband, Paspeln und Litzen. 

Mein Mann findet ja, dass wir bald einen Laden eröffnen könnten – ach was, einen kompletten Supermarkt. Aber was weiss der schon? In den Stoffgeschäften meines Vertrauens zahle ich übrigens am liebsten in bar. Anschliessend schmuggle ich die Ware in einer Papiertragetasche in unser Arbeitszimmer. (Oder hätten Sie Lust, jedes Mal einen Vortrag über Sinn und Unsinn von ausufernder Lagerhaltung zu hören? Also ich nicht.) Er fragt dann jeweils mit hochgezogenen Augenbrauen: 

"Warst du einkaufen?"

"Äh, nei, wieso?"

"Der Supermarkt-Sack."

"Ach, deeeer. Altpapier. Alles voller Altpapier."

Wenn Sie jetzt finden, mein Verhalten passe nicht zu meiner Rolle als treusorgende Ehefrau und zweifache Mutter, dann kann ich argumentieren, dass ich ja auch Geld verdiene. Ich arbeite als Journalistin. Sie kennen mich vielleicht von meiner Familienkolumne, die seit 2012 im Schweizer Migros-Magazin erscheint. Oder als Autorin diverser Magazintexte. Ich haue beim Stoffkauf also nicht nur die Kohle meines Liebsten auf den Kopf. Immerhin jeder zehnte Meter wird aus meiner Schatulle bezahlt. Mein textiler Vorrat ist ausserdem so eine Art private Altersvorsorge. Sie haben vielleicht schon davon gehört, dass die Schweizerische Nationalbank gerade ihre Goldreserven gegen Bio-Jerseys eintauscht.
Mein Mann findet mein Hobby eher bizarr. Ja nun, damit kann ich leben. Leider haben meine Töchter ebenfalls wenig Verständnis für meine Leidenschaft. Neulich machte ich mit den Kindern einen ganz wunderbaren Ausflug. Wir waren beim Zahnarzt. Und dann noch im Baumarkt. Ganz am Schluss hielt ich dann ganz zufällig bei einem herzigen, kleinen Stofflädeli an. Die Grosse weigerte sich doch tatsächlich, auszusteigen. Verräterin!
Spass beiseite. Oder wenigstens ein bisschen ernsthafter: Wenn man sein Hobby so sehr liebt, wie ich es tue, und ausserdem gerne sein Innerstes beim Schreiben nach aussen kehrt (so wie ich es auch gerne tue), dann liegt es auf der Hand, einen eigenen Näh-Blog zu betreiben. 
Ta-daaaa, ich präsentiere Euch mein Baby: Ich habe es Stahlarbeit getauft. Das passt, da ich an meinem Nähplatz von rostfreien Stählen umgeben bin. Meine Scheren, meine "Güfeli" (Stecknadeln), die Maschinennadeln, der Nahtauftrenner (heissgeliebtes Ding!), die Spulen (okay, nicht ganz Stahl, aber immerhin Metall). Dass der Job auch was mit Arbeit zu tun hat, das wisst ihr auch. Abgesehen davon dachte ich mir, die Welt braucht nicht noch ein weiteres Blögchen, das "Vreneli näht" oder "Pupsi-Lou und der lustige Geradestich" heisst. Also Stahlarbeit. Habt ihr Lust, mir beim Stahlarbeiten über die Schulter zu gucken? Dann seid herzlich Willkommen!

Viel Spass beim Lesen 
Bettina

Kommentare:

  1. Sehr toll! :) Und diese hochprofessionelle Halterung für Ottobre-Zeitschriften haut dem Fass den Boden aus - genial! :D

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  2. Ich kugle mich gerade vor Lachen - danke, liebe Bettina, für dieses wundervolle About me 👍🏻😘
    Glg Kathrin

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